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 Innehalten.

Ich erinnere mich noch, dass es Sommer war. Eigentlich ein ganz normaler Tag, nur dass es mir nicht ganz normal ging. Der Druck, den ich in mir spürte, wurde immer größer und ich hatte das Gefühl, ihm nicht mehr standhalten zu können. Ich hatte keine Kraft mehr, dagegenzuhalten. Wogegen genau wusste ich selbst nicht. Es legte sich irgendein Schalter in mir um, etwas brach sich Bahn und ich begann zu weinen. Es war kein gewöhnliches Weinen, wie ich es von Momenten kannte, in denen ich traurig war. Es fühlte sich groß und überwältigend an. Es gelang mir nicht, damit aufzuhören. Ich spürte, dass ich Unterstützung brauchte. Dass ich mich damit zeigen musste. Meinen Mut zusammennehmend ging ich aus meinem Zimmer und runter zu meiner Familie.

Meine Familie war erst einmal hilflos und gleichzeitig einfach liebevoll. Das wichtigste war, dass sie einfach für mich da waren und mein Gefühl nicht kleinredeten. Das ermöglichte mir zu erfahren, dass es in Ordnung ist, mich mit dem zu zeigen, was in mir vorhanden ist.

Dieser Tag ist nun ca. zwanzig Jahre her und es war der Tag, an dem meine Reise zu mir begann. Der Moment, in meinem Leben, in dem ich das erste Mal ganz bewusst innehielt. Mehr oder weniger unfreiwillig. Es war der erste Schritt, um mein Leben in eine neue Richtung zu lenken.

 

 Hinschauen.

Die nächsten Tage und Wochen verliefen außerhalb meines bisherigen Alltags. Ich wurde krankgeschrieben. Was eine Erleichterung war, weil ich den üblichen Regeln und Anforderungen nicht mehr gerecht werden musste. Nach einigen Arztbesuchen entschied ich mich für einen Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik. Mir war sehr mulmig bei dem Gedanken, für einige Wochen dort zu bleiben. Die Anfangszeit war schwierig. Ich wollte einfach wieder dort weg und hatte eine Menge Angst. Überhaupt hatte Angst bis dahin einen großen Teil meines Lebens bestimmt (und tat es auch noch einige Zeit danach). Durch die Therapiegespräche in der Klinik begann ich nach und nach mein Leben aus anderen Blickwinkeln wahrzunehmen. Die Rückmeldungen meiner Therapeutin, vor allem aber die Gespräche mit den anderen Menschen dort, zeigten mir, dass Dinge auch auf andere Weise betrachtet und wahrgenommen werden können. Mein Horizont erweiterte sich und dadurch kam ein Stück Freiheit in mein Leben. Es war die Zeit des Hinschauens auf mein bisheriges Leben.

 

 Spüren.

Etliche der Aspekte, die ich mir ansah, verursachten mir Schmerzen. Neben all den sehr persönlichen Themen gab es zum Beispiel einen Tag während meines Aufenthaltes, an dem ich von meiner Schwester telefonisch erfuhr, dass ein Pferd, das viele Jahre Teil unseres Lebens war, eingeschläfert werden musste. Als meine Schwester und ich telefonierten, traf mich die Nachricht schmerzhaft und ich war wütend und enttäuscht darüber, dass ich nicht bei ihm sein konnte. Am Nachmittag desselben Tages bekam ich wegen irgendeiner Kleinigkeit einen Lachanfall. Tatsächlich krümmte ich mich vor Lachen. Nahezu im selben Moment traf mich mein schlechtes Gewissen wie ein Schlag: Wie kann ich an einem Tag mit solch einer traurigen Nachricht dermaßen ausgelassen sein? Der Therapeut, der mit mir an diesem Tag ein Gespräch führte, lenkte meine Aufmerksamkeit auf die potentielle Ursache für das Lachen und ermöglichte mir damit die Akzeptanz dieser widersprüchlichen Gefühle: Ich wollte es mir zuerst nicht eingestehen, aber Fakt war, dass es die Erleichterung war, dass die Verantwortung und die viele Zeit, die ich in dieses Tier und seine Pflege investiert hatte, auch eine Belastung für mich waren, die nun von mir abfiel. Es gab einfach beides: großen Schmerz und Traurigkeit und daneben Erleichterung und Freiraum.

Ich begann mehr und mehr zu spüren, was mich bewegte und zu lernen, ehrlicher zu mir selbst zu werden, was meine Bedürfnisse und Emotionen anging. In der taz schrieb mal ein Kolumnist, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere, der ebenfalls in einer psychosomatischen Klinik gewesen war, dass diese Zeit die ehrlichste seines Lebens gewesen sei. Das kann ich gut nachempfinden. Alle Menschen, die in solch einer Klinik sind, sind dort, weil sie „psychische Probleme“ haben. Und damit haben alle, die dort sind, etwas gemeinsam. Man muss sich gegenseitig nichts mehr vorspielen oder so tun, als wäre alles ok. Was meiner Meinung nach in der Gesellschaft sonst das übliche Spiel ist. In dieser Ehrlichkeit liegt meines Erachtens eine große Freiheit, weil wir sowieso alle unsere Themen haben. Wir müssen sie dann nur nicht mehr verstecken oder so tun, als hätten wir sie nicht.

 

 Loslassen.

Hinschauen und Spüren sind aus meiner Sicht sehr eng miteinander verbunden. Denn wenn wir uns etwas nur anschauen, ohne offen dafür zu sein, die dazugehörigen Emotionen zu spüren, bleiben wir von unserem Innenleben distanziert. Die Energie, die in unserem Körper durch unsere Erlebnisse gespeichert ist, kann sich in diesem Fall nicht auflösen. So sehr wir uns zukünftig auch bemühen, auf bekannte Situationen anders zu reagieren – unser Körper wird aufgrund der noch gespeicherten Energie mit großer Wahrscheinlichkeit wieder in die altbekannten Verhaltensmuster fallen.

Mit dem Hinschauen und Spüren ist ebenfalls das Loslassen eng verknüpft. Ich schaute mir mein Inneres an und begann zu lernen, das, was ich dort fand, wahrzunehmen und anzuschauen, statt es wegzudrücken und weiterzugehen. Einiges von dem, was ich bisher erlebt hatte und was ich mir auf diese Weise anschaute und emotional bearbeitete, indem ich die dazugehörigen Gefühle wahrnahm und zuließ, konnte ich loslassen. Manches brauchte länger und anderes sehr viel länger. Darüber hinaus gibt es auch noch die Themen, von denen ich den Eindruck habe, es sind Lebensthemen. Also Themen, die eine bestimmte Aufgabe in mein Leben bringen und eventuell immer auf die eine oder andere Weise präsent sein werden. Doch mit jedem Erlebnis, das ich loslassen darf, gewinne ich ein Stück Leichtigkeit.

Im Laufe der Jahre bin ich diese Phasen mit den unterschiedlichsten Varianten und von sehr schnell bis sehr langsam immer wieder durchlaufen: innehalten, hinschauen, spüren und loslassen. Je mehr ich losließ und mich von meinen Schichten befreite, desto mehr kam ich bei mir an. Auf diese Weise lernte ich, meiner inneren Stimme und Intuition immer stärker zu vertrauen. Ich kam bei meinem wahren Sein an. Heute ist mein Eindruck, dass dieser Punkt wesentlich mein damaliges Problem war: ich versuchte stark zu sein und meine sanfte und feinfühlige Seite wegzudrücken. Damit drückte ich mein Potential weg und hielt mich selbst klein. Heute weiß ich, dass genau diese Sanftheit und Feinfühligkeit meine Stärken sind.

Ohne mein Erleben auf andere übertragen zu wollen, ist mein Eindruck, dass sehr viele Menschen viel Kraft dafür aufwenden, nicht in ihrer Kraft zu sein. Dass Du bei Dir selbst ankommst und immer besser Deiner inneren Stimme und Intuition vertrauen und folgen kannst, ist einer meiner Wünsche für Dich.

Zum Abschluss möchte ich Dir sagen: Auch bzw. gerade wenn Dein Schmerz Dich davon abzuhalten versucht, innezuhalten und hinzuschauen: Ja, der Weg kann anstrengend und steinig sein. Doch wer immer Du auch bist, wenn Du bis hierher gelesen hast, bist Du schon auf dem Weg! Damit bist Du Teil einer großen Zahl von Menschen, die gerade auf-brechen. Gehst Du diesen Weg weiter, wirst Du mehr und mehr Freiheit gewinnen. Wie groß Dein Schmerz vielleicht ist, Du bist damit nicht allein. Wir sind uns alle sehr viel ähnlicher, als viele meinen. Und ich wiederhole es immer wieder gerne: Du hast alles schon in Dir. Es geht vielmehr darum, etwas loszulassen, als etwas zu erreichen!

Ich wünsche Dir Menschen an Deiner Seite, die ein offenes Ohr und ein mitfühlendes Herz für Dich haben. Melde Dich bei mir, wenn Du Unterstützung möchtest.

Fühl Dich umarmt.

 

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