Trauma und Spiritualität

Trauma und Spiritualität

Trauma und Spiritualität

[Lesezeit: ca. 4 Minuten]

Trauma und Spiritualität

Was hat Trauma mit Spiritualität zu tun? Ermöglicht ein Trauma vielleicht sogar mehr Spiritualität? In diesem Beitrag wird ein Blick auf die Verbindung von frühkindlichem Trauma und Hochsensibilität bzw Spiritualität geworfen.

 

 

Feinfühligkeit, Hochsensibilität und Spiritualität

Es gibt Menschen, die ein sehr feines Gespür haben und oft als hochsensibel bezeichnet werden. Nicht selten sehen sie Erlebnisse voraus oder haben die Fähigkeit, die Schwingungen anderer Menschen oder Lebewesen im Allgemeinen wahrzunehmen. Meist sind das Menschen, die sich selbst als spirituell bezeichnen oder zumindest auf irgendeine Weise mit Spiritualität in Kontakt sind. Inwieweit hat das etwas mit Trauma zu tun?

 

Trauma und Spiritualität

Jeder Elternteil weiß, dass Kinder etwas mit auf die Welt bringen. Sie kommen nicht als ein unbeschriebenes Blatt Papier auf die Welt, sondern bringen ihren persönlichen Charakter mit. Es scheint also etwas in uns allen zu geben, was von einem anderen „Ort“ als unserer Welt kommt.

Daneben gibt es Menschen, die oft schon als Kinder feinfühlig oder sogar hellsichtig waren. Manche von ihnen tragen das mit ins Erwachsenenalter. Es kann sein, dass diese Spiritualität etwas mit Trauma zu tun hat.

Einige Kinder erleben in der Zeit vor, während oder nach der Geburt eine Unterbrechung der Bindung zur Mutter, also ein (Entwicklungs-)Trauma. In vielen Fällen führt dieses Erleben dazu, dass dieser Mensch nicht ganz im Körper ankommt. Das heißt, dass er sich dem sphärischen Bereich näher fühlt als dem Dasein auf dieser Erde. Kontakt wird von diesen Menschen meist als bedrohlich und der Körper oftmals als unangenehm erlebt, ohne dass ihnen der Grund dafür bewusst wäre. In NARM (Neuroaffektives Beziehungsmodell), einer therapeutischen Methode bei Entwicklungstrauma, spricht man hier von dem Kontakt-Überlebensstil, der in der Zeit vor der Geburt bis ca sechs Monate nach der Geburt entwickelt wird.

 

Kontakt zum Spirituellen

Wenn jemand nicht ganz verkörpert ist und nicht so wirklich auf dieser Erde sein möchte, kann das dazu führen, dass es statt einer Verbindung zu anderen Menschen eine stärkere Verbindung zum spirituellen Bereich gibt. Es ist, als hätten diese Menschen den Kontakt zu dem „Ort“, von dem sie kommen, ein Stück weit beibehalten. Tatsächlich verfügen solche Menschen oftmals über außergewöhnliche Fähigkeiten. Hier scheint es also eine Verbindung zwischen einem Trauma und Spiritualität zu geben.

 

Was offen bleibt

Vermutlich kennen wir alle Situationen, in denen wir an jemanden denken und die Person sich kurz darauf meldet. Oder Momente, in denen wir „so ein Gefühl“ hatten, dass etwas im Raum ist und es sich kurze Zeit später bewahrheitet.

Wieso nehmen wir das wahr? Wie ist das möglich?

Die Quantenphysik ist Phänomenen wie diesem auf der Spur. Falls dich das Thema interessiert, lohnt sich vielleicht ein Blick in die Videos von Joe Dispenza. Das ist jemand, der Spiritualität und Manifestation mit wissenschaftlichen Untersuchungen verbindet.

 

Spirituelle Therapie

Auf meiner Homepage steht der Begriff „spirituelle Therapie“. Damit ist gemeint, dass meine Haltung eine spirituelle ist. Meiner Wahrnehmung nach gibt es einen „Ort“ von dem wir kommen und ich glaube, dass wir alle sehr viel mehr sind als unser menschliches Dasein vermuten lässt.

Gleichzeitig sind wir als Menschen auf dieser Welt. Wenngleich meine Therapie von einer spirituellen Sichtweise begleitet ist, so geht es mir als Therapeutin doch in erster Linie darum, mein Gegenüber dabei zu unterstützen, im Körper und in dieser Welt anzukommen und wenn möglich, das Leben hier bewusst und mit Freude und Leichtigkeit zu leben.
Das Spirituelle spielt für mich nur eine Rolle, wenn es von meinem Gegenüber eingebracht wird und in bestimmten Momenten während der Bearbeitung schwerer Schicksalsschläge, sofern es als Unterstützung und nicht als Flucht vor dem Hier und Jetzt verwendet wird.

 

 

 

 

Was ist der Unterschied zwischen einem Schocktrauma und einem Entwicklungstrauma?

Was ist der Unterschied zwischen einem Schocktrauma und einem Entwicklungstrauma?

[Lesezeit: ca 3 Minuten)]

 

Was ist der Unterschied zwischen einem Schocktrauma
und einem Entwicklungstrauma?

 

Wenn von Trauma die Rede ist, ist damit meistens Schocktrauma gemeint. Ein Schocktrauma unterscheidet sich jedoch in mehreren Aspekten von einem Entwicklungstrauma.

Bei einem Schocktrauma geht es meist um ein einmaliges Erlebnis, wie z.B. eine Naturkatastrophe, ein plötzlicher Verlust, eine Vergewaltigung oder einen Arztbesuch. Bei einem Schocktrauma ist das Erlebte derart überwältigend, dass es von unserem Gehirn nicht wie andere alltägliche Erfahrungen einsortiert werden kann. Dabei muss es sich nicht immer um körperliche Gewalt handeln. Die Wahrnehmung von starker Bedrohung oder extremer Belastung kann ebenfalls ein Schocktrauma verursachen.

Gabor Maté geht davon aus, dass das Trauma nicht das ist, was uns passiert. Sondern das, was uns danach passiert, d.h. ob jemand für uns da war und auf welche Weise jemand für uns da war.[1]

 

Was im Gehirn passiert

Das Gehirn ordnet alltäglichen Erlebnissen einen Ort und eine Zeit zu, über die wir diese Erfahrungen auch wieder abrufen können. So wissen wir z.B. dass wir gestern Nachmittag im Cafe XY mit Freundin AB Kuchen gegessen haben.

Bei einem Schocktrauma geschieht das Erlebte jedoch so schnell und wird von uns als derart überwältigend erfahren, dass unser Gehirn es nicht auf die übliche Weise abspeichert. Stattdessen nimmt unser Gehirn aufgrund der Geschwindigkeit des Erlebten den kürzesten Weg und lässt dabei die Einordnung des Geschehens in Raum und Zeit aus. Die Erfahrung wird in der Folge z.B. nur bruchstückhaft erinnert und/oder die Reihenfolge der Ereignisse kann nicht folgerichtig wiedergegeben werden.

 

Ein Beispiel:

Betreten wir z.B. eine Straße und ein Auto rast auf uns zu, überlegen wir nicht erst, wie wir reagieren. Wir reagieren einfach und springen z.B. zurück oder laufen vorwärts. Im Anschluss können wir darüber reden und unserer Freundin erzählen, was wir erlebt haben.

Gelingt das Wegrennen jedoch nicht und das Auto erfasst uns, ist es wahrscheinlich, dass wir im Anschluss nur fragmentierte, d.h. zersplitterte Erinnerungen an das Erlebnis haben. Wir wissen vielleicht, dass das Auto auf uns zuraste, erinnern aber nicht den Zusammenprall. Wir hören vielleicht, wie uns der Sanitäter im Krankenwagen ansprach, aber erinnern nicht, wie wir in den Krankenwagen gekommen sind.

 

Diese Art des Speicherns unseres Gehirns führt dazu, dass manche Menschen keine Worte für das Erlebte haben und schlicht nicht darüber sprechen können, was ihnen widerfahren ist. Andere sprechen darüber, spüren dabei aber nichts. Aufgrund der fehlenden Einordnung im Gehirn kann es unter anderem zu plötzlichen Erinnerungen, sogenannten Flashbacks kommen, die den Eindruck erwecken, als würde uns das Trauma im jetzigen Moment erneut widerfahren.

 

Bewältigungsmechanismen

Wenn eine heranwachsende oder erwachsene Person ein Schocktrauma erlebt, hat sie aufgrund ihres bisherigen Lebens meist Bewältigungsmechanismen, die ihr dabei helfen, mit dem Erlebten umzugehen. Sie hat vielleicht einen Freundeskreis, mit dem sie darüber reden kann oder weiß, was ihr guttut, um sich zu beruhigen. Darüber hinaus ist die Person vermutlich in der Lage, sich das, was ihr guttut, zukommen zu lassen. Anders als bei einem Entwicklungstrauma.

 

Was ist ein Entwicklungstrauma?

Ein Entwicklungstrauma ist etwas, dass in den ersten bzw frühen Lebensjahren geschieht und Auswirkungen auf das Verhalten eines Menschen hat. Bei einem Entwicklungstrauma ist der zentrale Aspekt, dass die Bedürfnisse des Kindes nicht angemessen wahrgenommen und erfüllt werden und das Kind sich daher an die Umwelt und die Bindungsperson(en) anpassen muss. Das heißt, es passt sein Verhalten an seine Umgebung an. Der Kern ist, dass das Kind auf die Bindungsperson angewiesen ist und sich für die Aufrechterhaltung des Kontaktes zu diesem Menschen ein Stück weit von dem Kontakt zu sich selbst trennt. Genauere Informationen dazu, findest du hier.

Natürlich kann es auch sein, dass ein Schocktrauma mit einem Entwicklungstrauma zusammenfällt.

 

Fazit:
Der Unterschied zwischen Schocktrauma und Entwicklungstrauma:

 

Auswirkungen von Entwicklungstrauma auf die Gesellschaft

Auswirkungen von Entwicklungstrauma auf die Gesellschaft

Der Weg des Herzens

[Lesezeit: ca. 4 Minuten]

 

 

Vielleicht fragst du dich, was Entwicklungstrauma mit der Gesellschaft zu tun hat? Meiner Meinung nach eine Menge.

Wenn wir uns den Zustand der Welt anschauen, sehen wir ein großes Maß an Leid und Zerstörung. Auf einer gesellschaftlichen und politischen Ebene gibt es Rückschritte hin zum Patriarchat, zur Abgrenzung sowie zur Ausgrenzung und zu Diktatur und Gewalt. Noch nie waren so viele Menschen vor Gewalt und Hunger auf der Flucht wie heute.[1]

Über die zwischenmenschliche Ebene unserer Gesellschaft hört man immer öfter, dass der Ton rauer geworden sei und die Aggression steige.[2] Aspekte wie Selbstbezogenheit, Konkurrenzdenken und Leistung scheinen immer verbreiteter zu sein. Doch was hat das mit Entwicklungstrauma zu tun?

 

Was hat der Zustand der Welt mit Entwicklungstrauma zu tun?

Der Kern eines Entwicklungstraumas ist das Abschneiden des Kontaktes zu sich selbst. Um die Verbindung zur Bezugsperson aufrechtzuerhalten, gibt das Kind die Verbindung zu sich selbst auf. Das hat Folgen, die auch im Erwachsenenalter bestehen bleiben, sofern dieser Mensch nicht bewusst eine Veränderung herbeiführt.

Die unterschiedlichen Auswirkungen wurden im vorherigen Blogartikel bereits grob aufgeführt. Sie variieren natürlich von Mensch zu Mensch und werden von diversen Faktoren beeinflusst. Allen gemeinsam ist jedoch die Trennung von sich selbst und damit vom eigenen Herzen.

Stattdessen bekommt der Kopf bzw. das Denken mehr Bedeutung. Denn wenn Kinder nicht in ihrem ganzen Sein oder mit allen ihren Gefühlen da sein dürfen, dann liegt die Lösung oft darin zu „verstehen“, was von ihnen erwartet wird. Das heißt, was sie tun müssen und wie sie sich verhalten müssen, um geliebt zu werden. Hierbei handelt es sich nicht um bewusste Vorgänge, sondern um innere Abläufe, die unbewusst geschehen.

 

Die Auswirkungen

Wenn sich Menschen nicht mit sich selbst verbunden fühlen, dann können sie sich auch nicht mit anderen oder ihrer Umwelt verbunden fühlen. Sie werden stattdessen dazu neigen, sich selbst in den Fokus zu rücken.

Das Gefühl mangelnder Verbundenheit kann zur Folge haben, dass der betroffene Mensch keine Notwendigkeit sieht, auf andere Rücksicht zu nehmen oder sich einer Gemeinschaft anzuschließen. Auch hier ist die Ausprägung unterschiedlich stark und von Mensch zu Mensch verschieden.

Außerdem können von Entwicklungstrauma betroffene Menschen stärker auf das Denken und Handeln fokussiert sein, weil das Fühlen mit der Gefahr verbunden ist, dem Schmerz von damals zu begegnen. Und das versuchen die meisten verständlicherweise zu vermeiden.

 

Bedeutung für die Gesellschaft

Die in der heutigen Gesellschaft zu beobachtende Verrohung, Vereinzelung, Aggression und Abschottung sind aus meiner Sicht auch eine Folge von Entwicklungstrauma. Ein immer größerer Teil der Menschen scheint immer weniger in der Lage zu sein in Kontakt mit dem eigenen Herzen zu sein, geschweige denn mit offenem Herzen durch die Welt zu gehen.

Hinzu kommen die vorhandenen gesellschaftlichen Strukturen. Es fängt an in der Schule und zieht sich durch die Arbeitswelt weiter, dass fast ausschließlich Leistung und Machen eine Rolle spielen.

Wahrnehmung, Achtsamkeit und Empfindsamkeit haben in unserer Gesellschaft nur sehr wenig Platz. Menschen mit diesen Eigenschaften werden nicht selten abgewertet oder sogar verhöhnt.

Die Folgen dieses Ablaufes sind fast weltweit zu beobachten: Entfremdung von sich selbst, anderen Menschen, der Natur und den Tieren und ein auf Angst und Hass begründeter Wille, nur das Eigene zu bewahren und – im äußersten Fall – wenn „nötig“ mit Gewalt gegenüber anderen zu verteidigen.

 

Was kann zu einer positiven Entwicklung beitragen?

Was jetzt helfen kann, sind aus meiner Sicht unter anderem drei Dinge:

  1. Gemeinschaft

Was es jetzt braucht, ist zum einen das, was angenehmerweise als Gegenpol zu Abgrenzung und Hass bereits immer öfter zu beobachten ist. Nämlich das Menschen sich zusammenschließen und versuchen, gemeinsam etwas zu verändern. Es scheint das Positive im Negativen zu sein: Wenn der Hass größer wird, ruft er die Liebe auf den Plan.

  1. Selbstentwicklung

Zum anderen braucht es Menschen, die dazu bereit sind, sich auf den Weg zu sich selbst zu machen. Denn dadurch entsteht Veränderung. Je mehr Menschen sich ihrer alten Muster und Begrenzungen bewusst werden und beginnen, sich aus diesen zu befreien und zu ihrem wahren Sein zu finden, desto stärker fließt diese Befreiung und Veränderung in die Welt.
Denn wir können nur das in die Welt bringen, was wir in uns tragen.

  1. Informationen

Darüber hinaus braucht es die Verbreitung von Wissen darüber, wie wir Menschen ticken, wie Kinder zu gesunden Erwachsenen werden und wie es zu einem (Entwicklungs-)Trauma kommen kann. Dies ist genauso wichtig wie das Wissen über die Folgen von Traumata und mögliche Wege zur Heilung. Damit immer mehr Menschen die Möglichkeit haben, sich selbst und ihre Umgebung so zu verändern, dass Räume entstehen, die heilsam sind.

 

Wenn du bis hierher gelesen hast, gehörst du vermutlich zu den Menschen, die bereit sind für Veränderung. Damit bist du bereits Teil des Wandels, den die Welt so dringend benötigt. Wie schön, dass du dabei bist.

 

 

 

 

[1] https://www.uno-fluechtlingshilfe.de/informieren/fluechtlingszahlen, Stand 01.2025

[2] https://de.statista.com/infografik/19352/generation-mitte-studie/, Stand 01.2025

Entwicklungsphasen von Kindern nach NARM

Entwicklungsphasen von Kindern nach NARM

Der Weg des Herzens

[Lesezeit: ca. 6 Minuten)]

 

Im vorherigen Blogartikel gab ich dir eine erste, kurze Beschreibung davon, was ein Entwicklungstrauma ist und wie es entsteht. In diesem Artikel möchte ich dir einen ersten und sehr groben Überblick über die unterschiedlichen Entwicklungsphasen geben, in denen ein Entwicklungstrauma besonders deutliche Folgen hinterlässt. Im folgenden Text wird aus Gründen der Klarheit die jeweils stärkste Ausprägung aufgeführt. Natürlich gibt es Abweichungen davon und Überschneidungen.

 

Es gibt unterschiedliche Modelle zu Entwicklungsphasen von Menschen, besonders von Kindern. Bei der Methode NARM (Neuroaffektives Beziehungsmodel) wird der Blick auf die ersten ca. sechs Lebensjahre gerichtet, da die Entwicklung in dieser Zeit sehr zügig voranschreitet und besonders prägend für das weitere Leben ist. In dieser Zeit werden entscheidende Grundsteine für das weitere Leben gelegt. NARM unterteilt diese Jahre in fünf Phasen.[1] Die Aufteilung bezieht sich auf das Kernbedürfnis, dass in der jeweiligen Entwicklungsphase von besonderer Bedeutung ist. Die fünf Phasen werden auch als Überlebensstile bezeichnet.

 

1. Phase: Kontakt

Diese Phase bezieht sich auf die Zeit vor, während und bis zum ca. sechsten Monat nach der Geburt. In diesem Entwicklungsstadium ist der Fötus bzw. das Neugeborene vollkommen auf das Wohlwollen seiner Umwelt angewiesen, da es schutzlos ist. Erlebnisse, die hier zu einem Trauma führen können, sind vielfältig und können z.B. sein:

  • depressive, ängstliche, dissoziierte oder aufbrausende Mutter
  • ein oder beide Elternteile lehnen das Kind ab
  • äußere Faktoren wie Krieg, Armut, Hunger etc.
  • Schocktraumen wie versuchte Abtreibung, schwere Geburt, Frühgeburt, Tod der Mutter oder Todesfall in der Familie

Der Fötus bzw. das Neugeborene befindet sich noch mitten in der Entwicklung, was u.a. auch das Gehirn betrifft. Es stehen ihm weder Sprache noch reflektiertes Denken zur Verfügung und es kann weder fliehen noch kämpfen. Starke Belastungen, die es in dieser Phase erfährt, wirken sich daher nachhaltig belastend auf das Nervensystem aus. Das Neugeborene reagiert mit Rückzug in seinen innersten Kern und mit Erstarren. Ein Entwicklungstrauma in dieser frühen Phase führt daher zu einer Abschottung nach außen, d.h. zu den das Kind umgebenden Menschen und der Umwelt. Der spätere Erwachsene fühlt sich aufgrund dieser Erfahrungen oft unverbunden, als Außenseiter und nicht dazugehörig. Gleichzeitig fehlt ihm die Erinnerung an das verursachende Erlebnis, weil das Gehirn so kurz nach der Geburt das Erlebnis noch nicht in Raum und Zeit einordnen konnte. Seine größte Angst ist, Gefühle zuzulassen, weil er meint, dies nicht aushalten zu können.

 

2. Phase: Einstimmung

Diese Phase ist die Zeit bis ca. zum zweiten Lebensjahr. Das Bedürfnis nach einer eingestimmten Zuwendung steht im Vordergrund. Das heißt, dass Kleinkind ist in hohem Maße darauf angewiesen, dass die Bindungspersonen sein Bedürfnis nach Hunger, Durst und vor allem Zuwendung, Fürsorge und Liebe angemessen versorgen. Bleibt diese Versorgung aus, gerät das Kleinkind in innere Not und protestiert. Wendet sich ihm dauerhaft niemand zu, gibt es auf. Es resigniert, weil es die Erfahrung macht, dass es keinen Sinn macht, für die Erfüllung seiner Bedürfnisse zu kämpfen. Da es zu schmerzhaft ist, die eigenen Bedürfnisse weiter zu spüren, unterlässt das Kind es zunehmend, diese wahrzunehmen.

Erwachsene mit dieser frühen Thematik kennen ihre Bedürfnisse oft nicht und/oder haben kein Gespür für sie. Sie leben in einem permanenten Zustand von innerem Mangel und mit dem Konflikt, sich nach der Erfüllung ihrer Bedürfnisse zu sehnen, während sie gleichzeitig überzeugt sind, dass dies nicht geschehen kann. Ihre größte Angst ist, zurückgewiesen oder verlassen zu werden, wenn sie ihre Bedürfnisse äußern.

 

3. Phase: Vertrauen

Diese Thematik entsteht ca. zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr. Die Eltern dieser Kinder haben oftmals einen unerfüllten Karrierewunsch, den sie auf ihr Kind übertragen. Oder es gibt einen Elternteil, der das Kind sehr früh zum Vertrauten macht. Das Anlehnungsbedürfnis des Kindes wird manipuliert, indem es Zuwendung nur gegen Leistung erhält. Die elterliche Liebe ist damit an Bedingungen geknüpft und die Zuwendung, die das Kind erhält, richtet sich an das Ego des Kindes und nicht an sein eigentliches Selbst. Das bedeutet, dass das Kind sein authentisches Selbst aufgeben muss, um den Anspruch der Eltern an eine bestimmte Rolle zu genügen. Kinder mit diesem Überlebensstil haben folglich sehr gut gelernt, sich zu verstellen und wissen, wie es sich anfühlt, manipuliert zu werden. Sie kennen das Gefühl von Kontrollverlust und Ohnmacht, das damit einhergeht.

Erwachsene mit diesem Überlebensstil werden ihrerseits versuchen, andere zu manipulieren oder selbst Macht und Kontrolle auszuüben. Ihre größte Angst ist, zu versagen und sich hilflos und schwach zu fühlen.

 

4. Phase: Autonomie

Dieser Überlebensstil entsteht ca. zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr. In dieser Zeit geht es um die beginnende Selbständigkeit, die Autonomie des Kindes. Es beginnt die Welt allein zu erkunden und sich dafür ein Stück weit von den Eltern zu entfernen. Überängstliche Bindungspersonen, narzisstische Bindungspersonen oder solche, die eine sehr starke Kontrolle auf das Kind ausüben, werden das Unabhängigkeitsbedürfnis des Kleinkinds aus jeweils unterschiedlichen Gründen behindern. Ähnlich agieren Bindungspersonen, die aufgrund der beginnenden Selbstständigkeit des Kindes Angst haben, dass das Kind sie verlässt. Bindungspersonen mit solchen und ähnlichen Hintergründen nutzen Scham- und Schuldgefühle oder auch Gewalt, um das Kind in ihrem Rahmen in ihrem Einflussbereich zu halten.

Um den Kontakt mit den Bindungspersonen aufrechtzuerhalten und Demütigungen zu vermeiden, entwickelt das Kind eine angepasste Fassade nach außen, während es gleichzeitig den Widerstand, der diesen Kontakt gefährden würde, im Inneren behält. Nach Außen bemüht es sich um Anpassung und Freundlichkeit, während es innerlich gleichzeitig großen Groll hegt. Aufgrund dieses Konflikts lernt es, dass Liebe bedeutet, sich anpassen zu müssen und nicht frei zu sein.

Erwachsene mit dieser Thematik befinden sich in einer Ambivalenz zwischen ihrem eigenen Ausdruck und den angenommenen Ansprüchen von anderen. Ihre größte Angst ist es, sich so zu zeigen wie sie sind und dafür abgelehnt oder kritisiert zu werden.

 

5. Phase: Liebe und Sexualität

Diese Phase bezieht sich ca. auf die Zeit des vierten bis sechsten Lebensjahres. In dieser Phase beginnt das Kind seine Sexualität zu entdecken. Diese ist bei Kindern auf sich selbst bezogen und nicht auf andere. Auch Liebe spielt in dieser Zeit eine Rolle: fühlt sich das Kind mit seinem Ausdruck von Liebe angenommen oder zurückgewiesen?

Bindungspersonen, die strenge Regeln vorgeben und die auf die erwachende Sexualität des Kindes verurteilend, beschämend oder stark ablehnend reagieren, vermitteln dem Kind damit, dass mit seiner Sexualität etwas nicht in Ordnung ist. Auch in Familien, in denen Liebe und Zärtlichkeit nicht ausgedrückt oder sogar abgelehnt werden, erfährt das Kind, dass mit diesen Gefühlen etwas nicht in Ordnung ist. Folge davon kann ein gebrochenes Herz sein.

Wenn entweder Liebe oder Sexualität oder beides von den Bindungspersonen abgelehnt werden, können die Gefühle von Liebe und Sexualität nicht integriert und miteinander verbunden werden. Erwachsene mit diesem Überlebensstil sind oftmals sehr attraktiv, erfolgreich und aktiv und wirken nach Außen hin sehr selbstbewusst. Innerlich können sie jedoch das Gefühl haben, mit einem großen Makel behaftet zu sein, weswegen sie nach Perfektion streben, um Anerkennung zu bekommen. Ihre größte Angst ist es, mit einem Makel behaftet zu sein und verletzt sowie zurückgewiesen zu werden.

 

 

[1] Heller, Lauren; Lapierre, Aline (2013): Entwicklungstrauma heilen, 5. Auflage, München: Kösel,

Was ist ein Entwicklungstrauma?

Was ist ein Entwicklungstrauma?

Der Weg des Herzens

[Lesezeit: ca. 5 Minuten)]

 

 

Was ist ein Entwicklungstrauma?

 

In diesem Blogartikel möchte ich in meinen Worten erklären, was meinem Verständnis nach ein Entwicklungstrauma ist und wie es entstehen kann.

 

 

Ein Entwicklungstrauma kann entstehen, wenn die Bedürfnisse eines Kindes in einem gravierenden Maße nicht angemessen versorgt werden. Sind die Bezugspersonen nicht in der Lage, das Kind adäquat zu versorgen, kann das zu nachhaltigen negativen Auswirkungen auf das Kind führen. Doch wie genau kommt es dazu?

 

Entstehung eines Entwicklungstraumas

Ein Kind ist auf seine Bezugsperson angewiesen, denn es ist nicht in der Lage, seine Bedürfnisse selbst zu versorgen. Je kleiner es ist, desto wichtiger ist die Bezugsperson. Die Bedürfnisse, die ein Kind hat, hängen von der Entwicklungsphase, d.h. auch von seinem Alter, ab. Bei Narm[1] werden diese Phasen in fünf Bereiche unterteilt, die auch vom Alter des Kindes her aufeinander aufbauen:

  • Kontakt
  • Einstimmung
  • Vertrauen
  • Autonomie
  • Liebe/Sexualität

 

In der ersten Phase z.B., die den Zeitraum vor, während und einige Monate nach der Geburt umfasst, ist das Kind in hohem Maße auf Kontakt angewiesen. Es kann alleine nicht überleben. Erfährt es in dieser Zeit Ablehnung, hat das einen großen Einfluss auf das Kind und auf sein Nervensystem. Ist es z.B. kein Wunschkind, hat nicht das gewünschte Geschlecht oder muss die Mutter eine Zeit lang ohne das Kind im Krankenhaus bleiben oder umgekehrt, kann sich das auf das Kind auswirken. Das Kind kann dadurch ein Gefühl der Ablehnung erfahren oder das Gefühl verinnerlichen, dass es gar nicht auf der Welt sein sollte oder dass es kein Existenzrecht hat. Auch wenn dieser Moment nur einige Tage umfasst, kann er im Kind Spuren hinterlassen.

 

Die Reaktion des Kindes

Allgemein ist unsere erste Reaktion auf ein unerfülltes Bedürfnis der Protest. Wir beschweren uns normalerweise, wenn wir etwas nicht bekommen, was wir brauchen. Das gilt umso mehr für Kinder, weil sie sich nicht selbst versorgen können. Daher wird sich ein Kind bemerkbar machen, wenn es etwas braucht und dafür die ihm zur Verfügung stehenden Mittel nutzen, wie z.B. weinen, zappeln, schreien, schimpfen. Je kleiner das Kind ist, desto weniger Mittel stehen ihm hierbei zur Verfügung.

 

Doch was bleibt einem Kind, wenn die Menschen in seiner Umgebung diesen Protest nicht wahrnehmen, ablehnen, es dafür auslachen oder sogar mit Gewalt darauf reagieren? Wenn es seine Wut nicht nach außen tragen kann, aber auf diesen Menschen angewiesen ist, wird es die Wut zu sich nehmen, um den Kontakt zur Bezugsperson nicht zu verlieren. Das heißt, es richtet seine Wut gegen sich selbst statt nach außen, um einen Kontaktabbruch zu vermeiden. Denn dieser wäre potentiell lebensgefährlich, weil das Kind ohne den Erwachsenen nicht überleben kann.

 

Damit verbunden ist der Aspekt, dass der Gedanke für das Kind zu gefährlich ist, dass die Bezugsperson nicht in der Lage ist, sich angemessen um es zu kümmern. „Besser“ ist es, zu denken, dass mit ihm selbst etwas nicht stimmt und die eigenen Bedürfnisse zu viel oder unangemessen seien und sie zurückzunehmen. Denn diese Bedürfnisse wahrzunehmen, wird zu schmerzhaft, weil sie unbeantwortet bleiben. Mit dieser Reaktion schneidet sich das Kind von einem Teil von sich selbst ab und damit von einem authentischen Kontakt mit sich selbst und anderen. So versucht das Kind, sich auf die Art und Weise, die ihm zur Verfügung steht, seiner Umgebung anzupassen. Narm nennt diese daraus entstehenden Verhaltensweisen „adaptive Überlebensstile“. (auch hierauf werde ich im Laufe der Zeit genauer eingehen)

 

Der Kern eines Entwicklungstraumas ist also das an eine Umgebung, die nicht in der Lage ist, die Bedürfnisse des Kindes adäquat zu versorgen, angepasste Verhalten, mit dem die eigenen Bedürfnisse und Wünsche zurückgestellt und unterdrückt werden.

In der Therapie mit Erwachsenen geht es deshalb vor allem um das Gewahr werden dieser Verhaltensweisen und das Zurückfinden zu einem authentischen Kontakt. Sowohl mit sich selbst als auch mit anderen.

 

 

Zusammenfassung: Entstehung eines Entwicklungstraumas

Ein Entwicklungstrauma entsteht demnach, wenn die Bezugsperson(en) die Bedürfnisse des Kindes nicht angemessen versorgen und das Kind daraufhin den Protest aufgrund der fehlenden Fürsorge gegen sich selbst richtet, seine eigenen Bedürfnisse zurücknimmt und sein Verhalten der Umgebung anpasst, um einen Kontaktabbruch zu den Menschen zu vermeiden, auf die es angewiesen ist. Damit unterbindet es notwendigerweise den authentischen Kontakt mit sich selbst und anderen.

 

[1] Heller, Laurence/Kammer, Brad J: Praxisbuch, Entwicklungstrauma heilen (Narm), 2023

 

 

 

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